Veranstaltungsbericht - Erik Lorenz
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Veranstaltungsbericht

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Veranstaltungsbericht Berlin 2013
Berlin
Berlin

Am 24.04.2013 las ich in der Heinrich-von-Kleist-Bibliothek in Berlin aus „Liselotte Welskopf-Henrich und die Indianer“. Einer der Besucher verfasste einen überaus freundlichen Rückblick auf die Veranstaltung.

Marzahn Nord/Heinrich-von-Kleist-Bibliothek – „Das übersteigt meine Vorstellungskraft“, staunte der ältere Herr aus dem Belziger Ring immer wieder, als Erik Lorenz (Jahrgang 1988) nach der sehr präzisen und außerordentlich gekonnt komponierten Präsentation der von ihm geschriebenen Biographie einer außergewöhnlichen Schriftstellerin dem zunächst fast sprachlosen Publikum das Wort gab. „Wie kann ein so junger Mensch wie Sie Umstände und Person aus zurückliegenden Zeiten so stimmig und komplex gestalten? Ich fass‘ es kaum.“

 

Immerhin ging es ja dem Autor nicht allein um die Schriftstellerin Liselotte Welskopf-Henrich, die von 1901 bis 1979 lebte und wirkte. Lorenz beschrieb auch mit erstaunlichen Detailkenntnissen die Wissenschaftlerin und die Menschenrechtlerin, die für alle ihre Betätigungsfelder Leidenschaft und Energie aufbrachte. So arbeitete Frau Welskopf-Henrich als Professorin für Alte Geschichte an der Humboldt Universität zu Berlin. Doch all ihre Interessen bündelte sie – so ihr junger Biograph – für ihr hingebungsvoll betriebenes Hobby: das Schreiben von abenteuerlichen und spannenden Jugendbüchern, deren Inhalte vom Überlebenskampf der Indianer Nordamerikas – einer Geschichte von Verfolgung, Vertreibung aber auch von tapferer Verteidigung ihrer Rechte, Lebensräume und Kultur – geprägt waren. Ihr Credo lautete: Die Kunst und die Wissenschaft sind die beiden wesentlichen Formen der Welterkenntnis. Das reizte sie, gewissermaßen auf beiden Feldern zu säen und zu ernten (meist bis tief in die Nacht).

Mit den sechs Bänden „Die Söhne der Großen Bärin“ gelang ihr das vorzüglich, wenngleich es ein langer Weg vom Manuskript zum fertigen Buch gewesen sei, wie Erik Lorenz herausgefunden hat. Trotzdem oder gerade deshalb eroberte Liselotte Welskopf-Henrich mit ihren fesselnden Geschichten die Kinder- und Jugendzimmer nicht nur in der DDR, aber dort besonders. Zehn Jahre nach dem Ersterscheinen der „Söhne“ waren 200.000 Exemplare im Umlauf. Mit der Pentalogie „Das Blut des Adlers“ festigte sie anschließend ihre Popularität als Indianerbuchautorin, zumal die DEFA mit ihrem „Chef-Indianer“ Gojko Mitic begonnen hatte, diese Stoffe zu „laufenden Bildern“ zu machen, was die namhafte Filmkritikerin Renate Holland-Moritz damals mit den Worten würdigte: „Deutsche Indianer sind die gründlichsten Indianer.“

An den Schauplätzen ihrer Geschichten

Erik Lorenz bekräftigte das Präzisionsstreben der Schriftstellerin mit seinen über die Literatur hinausgehenden Forschungen. Mit gleicher wissenschaftlicher Akkuratesse wie sein Vorbild hatte er für die Biographie in Archiven und bei Zeitzeugen recherchiert. So konnte er den Gästen in der Heinrich-von-Kleist-Bibliothek auch nahe bringen, dass und wie die „Mutter der Bärensöhne“ – im Gegensatz zum „Winnetou-Vater“ Karl May – nordamerikanische Indianerstämme in ihren Lebensräumen, in den heutigen Reservaten, besuchte. Ihre erste Reise führte sie 1963 nach Kanada, es folgten weitere in die USA, den Yellowstone-Nationalpark usw. Jedes tatsächlich auftretende Detail wollte die Schriftstellerin, die hier aber auch und besonders als engagierte Menschenrechtlerin auftrat, studieren und erfassen, um das Indianermilieu in ihren Schriften genau und gründlich beschreiben sowie ihren Einsatz gegen Rassismus und Diskriminierung nachhaltig begründen zu können.

Hinreißend wie kenntnisreich und warmherzig der vortragende 25-jährige „Nochstudent“ Lorenz die Studien der Welskopf-Henrich z.B. über ihre Erkenntnisse zur kulturellen Rolle der Büffel für die Ureinwohner Amerikas beschrieb oder ihre an Verzweiflung grenzende Einsicht darstellte, dass sie aus Mangel an Eigenerfahrung keinen betrunkenen Indianer zu beschreiben wisse. All diese Momente des Indianerlebens, der Geschichte und der Gegenwart dieses stolzen Volkes hatten Erik Lorenz schon frühzeitig interessiert und letztlich auch auf die Fährte der Autorin gestoßen sowie schließlich angespornt, mehr über sie zu erfahren und zu publizieren. Immerhin ist er ja – wie erwähnt – erst neun Jahre nach ihrem Tod geboren worden.

Überraschungsmomente „live bei Kleist“

Zur Verblüffung aller – selbst der Veranstalterinnen – stellte Erik Lorenz plötzlich den leibhaftigen Sohn von Liselotte Welskopf-Henrich, Rudolf, in der ersten Reihe vor – mittlerweile auch im gesetzten Alter. Durch seine Authentizität und seine seriöse Erscheinung bereicherte er diesen ohnehin reichen Abend zusätzlich. Fragte eine Dame: „Wie war denn Ihre Mutter als Mutter?“

Rudolf Welskopf gedehnt lächelnd: „Jaaa, wenn sie Zeit hatte und für den Sohn da war, war sie eine sehr intensive Mutter.“ Ja, die Zeit.

 

Der Auftritt des Sohnes war nicht die erste Überraschung. Wenn nämlich mancher bei „Live bei Kleist“ erwartet haben sollte, dass mit den Indianern und ihrer literarischen Chronistin auch Pfeil und Bogen, Tomahawk und Federschmuck den Ton angeben würden, wartete er vergebens. Erik Lorenz startete die biographischen Erkundungen bei der Gestapo, am 11. August 1944. Liselotte Welskopf-Henrich war vorgeladen worden. Man hatte sie denunziert. Sie wusste nicht, weshalb. In der quälenden Wartezeit an diesem qualvollen Ort ging sie ihr ganzes „kommunistisches Widerstandsregister“ und die möglichen Anschuldigungen durch. Doch ungeachtet dessen, musste sie sich „nur“ der Anklage „Beziehung mit einem Juden“ erwehren, was sie erfolgreich tat. Das „Andere“ war offensichtlich unbekannt geblieben. Beim Rückweg raunte der Pförtner: „Sie sind die Erste, die wieder gehen darf.“

Diese Szene hat Liselotte Welskopf-Henrich in ihr Nichtindianer-Buch „Jan und Jutta“ aufgenommen, und dass Lorenz sie an die Spitze seiner Lesung stellte, dürfte ein Wetterleuchten gewesen sein, ein Lichtstrahl auf die Zukunft der Vergangenheit, wenn sie in den Händen von solchen aufgeschlossenen, neugierigen und unvoreingenommenen klugen Menschen (hoffentlich) zu liegen kommt.

 

Es musste vielleicht ein Mann wie Lorenz sein, der einer antifaschistischen Widerstandskämpferin, die zunächst aufgrund dessen in der DDR zu Ansehen, Ruhm und Einfluss, ja auch zu Privilegien, gekommen war, mit seiner Biographie „Liselotte Welskopf-Henrich und die Indianer“ die verdiente Ehre als Schriftstellerin, Wissenschaftlerin und Menschenrechtlerin erwies hat. Mehr noch. Er verhalf ihr, die schon fast vergessen schien, zu neuem literarischem Leben. Schön zu wissen, dass auch in Zukunft das Ende auch dieser Vergangenheit noch nicht abzusehen ist.

Text: Torsten Preußing

Fotos: Dr. Reinhard Hoßfeld u.a.

Link zum Originalbeitrag: http://www.hossfeld-marzahn.de/kultur/apr_2013.htm#welskopf